Was passiert, wenn Alkohol, Drogen und Punkte zusammenkommen?
Es ist der wohl komplizierteste Fall im Fahrerlaubnisrecht: In Ihrem Briefkasten liegt eine MPU-Anordnung, die nicht nur einen, sondern gleich mehrere Gründe nennt. Vielleicht wurden Sie unter Alkoholeinfluss erwischt und haben gleichzeitig ein volles Punktekonto wegen zu schnellen Fahrens. Oder es wurden bei einer Kontrolle sowohl Alkohol als auch illegale Drogen in Ihrem Blut festgestellt (Mischkonsum).
Man spricht hier von einer MPU mit doppelter oder mehrfacher Fragestellung.
Viele Betroffene reagieren panisch: Bedeutet das zwei Prüfungen? Doppelte Kosten? Ist das überhaupt noch zu schaffen? Die gute Nachricht vorweg: Es ist machbar. Aber es ist ein Bereich der MPU, in dem Standardlösungen gnadenlos scheitern. Wer hier nicht strategisch vorgeht, verwickelt sich im Gespräch schnell in fatale Widersprüche.
Warum 1 + 1 hier mehr als 2 ist
Bei einer einfachen Fragestellung (z. B. nur Alkohol) gibt es einen klaren „roten Faden“. Bei einer doppelten Fragestellung müssen Sie dem Gutachter jedoch an zwei Fronten gleichzeitig beweisen, dass Sie stabil sind. Das Problem dabei ist, dass sich die Strategien widersprechen können.
Ein klassisches Beispiel sind Alkohol und Punkte.
- Um die Punkte (z. B. Rasen) zu erklären, argumentieren manche mit Zeitdruck und Stress im Job.
- Um den Alkohol zu erklären, wird hingegen mit „Abschalten“ und „Entspannung2 argumentiert.
- Der Gutachter kombiniert nun: „Aha, Sie haben also Stress (Punkte) und nutzen Alkohol als Ventil (Suchtproblem). Solange Sie den Stress nicht im Griff haben, ist ein Rückfall in den Alkoholismus vorprogrammiert.„
Sie sehen: Eine unbedachte Antwort im Themenbereich A kann dazu führen, dass Sie im Themenbereich B durchfallen. Die psychologischen Zusammenhänge sind hier viel enger verknüpft.
Der Sonderfall „Mischkonsum“ (Alkohol und Drogen)
Besonders heikel ist die Kombination aus Alkohol und Drogen. Hier vermutet die Behörde oft eine sogenannte „Polytoxikomanie“, also den wahllosen Konsum von Rauschmitteln zur Betäubung. Oft reicht es nicht aus, nur Drogenabstinenz nachzuweisen. Der Gutachter wird sehr genau prüfen, ob Sie Alkohol als Ersatzdroge nutzen.
Die Anforderungen an die Abstinenznachweise sind hier oft maximal.
- In der Regel müssen Sie 12 Monate Abstinenz für beide Substanzen (Alkohol und Drogen) parallel nachweisen.
- Wer nur Drogenfreiheit belegt, aber weiterhin Bier trinkt, hat bei einer Fragestellung wegen Mischkonsums kaum eine Chance.
Höhere Anforderungen an den Intellekt und die Aufarbeitung
Eine MPU mit mehrfacher Fragestellung dauert länger und ist intensiver. Der Psychologe muss in der gleichen Zeit (oder nur wenig mehr Zeit) zwei komplexe Themenbereiche abhandeln. Das bedeutet für Sie: Sie müssen noch präziser antworten. Es bleibt keine Zeit für „Herumdrucksen“ oder lange Anekdoten.
Sie müssen Ihre Geschichte („Exploration“) so strukturieren, dass Sie nachvollziehbar erklären können, wie es zu beiden Problemen kam und vor allem, wie Sie beide Probleme gleichzeitig gelöst haben. Es reicht nicht, zu sagen: „Ich nehme keine Drogen mehr.“ Sie müssen auch erklären, warum Sie nicht mehr zu schnell fahren, obwohl das eine (Sucht) mit dem anderen (Verhalten) auf den ersten Blick nichts zu tun hat.
Ein komplexer Fall gehört in Expertenhände.
Bei einer einfachen Alkohol-MPU hat man mit viel Glück und Intelligenz vielleicht noch eine kleine Chance im Alleingang. Bei einer doppelten Fragestellung ist die Selbstvorbereitung dagegen fast immer ein Himmelfahrtskommando.
In meiner Praxis lösen wir diesen „Knoten“ auf. Wir trennen die Delikte sauber, analysieren die Wechselwirkungen (z. B. „Rase ich nur, weil ich enthemmt bin, oder rase ich auch nüchtern?“) und entwickeln eine widerspruchsfreie Gesamtstrategie.
Lassen Sie sich nicht entmutigen. Auch komplexe Fälle werden jeden Tag positiv begutachtet. Aber nur mit dem richtigen Plan.
Aus der Praxis: Der Fall „Stefan K.“ (Alkohol & Geschwindigkeit)
Um zu verstehen, wie tückisch eine doppelte Fragestellung sein kann, betrachten wir einen anonymisierten Fall aus meiner Praxis. Stefan (34, Vertriebsmitarbeiter) kam mit einer MPU-Anordnung wegen 1,3 Promille und 8 Punkten (hauptsächlich Geschwindigkeitsverstöße auf der Autobahn) zu mir.
Das Problem: Stefan hatte sich im Internet eingelesen und wollte dem Gutachter Folgendes erzählen:
- „Ich fahre schnell, weil ich im Vertrieb unter massivem Zeitdruck stehe.“ (Punkte)
- „Den Alkohol habe ich getrunken, um am Wochenende mal richtig abzuschalten.“ (Alkohol).
Die Falle: Mit dieser Strategie wäre Stefan jedoch durchgefallen. Warum? Weil der Gutachter folgende Diagnose gestellt hätte: Stefan kann mit Stress nicht umgehen. Auf der Arbeit reagiert er mit Aggression, privat mit Flucht. Da der Jobstress bleiben wird, ist ein Rückfall unvermeidbar.
Unsere Lösung: Wir sind in der Beratung tiefer eingestiegen. Wir fanden heraus, dass Stefans wahres Problem ein mangelndes Selbstwertgefühl war, das er durch „Leistung“ (schnelles Fahren = Wichtigkeit) und „Partylöwe sein“ (Alkohol = Bestätigung) kompensierte. Wir erarbeiteten Strategien:
- Ein realistisches Zeitmanagement für seine Kundentermine (Stressreduktion).
- Sport sollte als neues Ventil dienen statt Alkohol.
- Außerdem erlangte er die Einsicht, dass sein Führerschein wichtiger ist als der nächste Rekord auf der linken Spur.
Das Ergebnis: Im Gutachten konnte Stefan glaubhaft darlegen, dass er nicht mehr der „Getriebene“ ist. Er erklärte den inneren Zusammenhang zwischen seinem Rasen und seinem Trinken, statt beides als separate „Unfälle“ darzustellen. Das Ergebnis: ein positives Gutachten im ersten Anlauf.

